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Geschichten aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck

 

Geschrieben von verschiedenen Autoren

 

 

 

Eine Winterfütterung im Fußbergmoos

 

Donnerstag ist mein Rinderdienstag in Fußbergmoos. Heute ist Donnerstag, der 12. Februar 2009. Ein Blick aus dem Fenster. Kaltblauer strahlender Himmel, am Rand treiben sich zerzauste Wolkenreste herum. Die beiden letzten Nächte waren sehr kalt mit bis zu zehn Grad minus, davor schneite es mehrere Tage ununterbrochen. Nicht sehr stark, aber 20cm sind doch zusammengekommen. Ob ich mit dem Auto bis zur Winterweide fahren kann? Wird schon irgendwie gehen.

 

Im Kofferraum liegt ein Satz Schneeketten, ein Spaten, eine kleine 500kg-Handseilwinde mit 20m Stahlseil, ein schraubbarer Bodenanker, 30m Bergseil, ein Säckchen Streusplitt und meine Ganzjahresreifen sind praktisch neu. Was man halt so braucht, wenn man in die Wildnis fährt. Um halb zwölf biege ich auf die 471 ein und düse in Richtung Olching.

 

Der Schotterweg zu unserem Parkplatz und dann links Richtung Überacker ist zwar geräumt, aber geradeaus zur Weide liegt noch der Schnee auf dem Weg. Allerdings mit einer eingefahrenen Spur. Wird wohl Christian mit dem Transporter gewesen sein. Er war gestern dran. Bei der Torfhütte halte ich an und werfe einen Pflichtblick in den Schlüsselkasten. Nichts neues. Immer noch der Zettel mit der Fütterungsanweisung: Ein Heuballen und dazu die dreifache Menge Silage. Die Sonne blendet jetzt schon sehr stark. Der Himmel ist endgültig postkartenblau, der Schnee versucht strahlend und glitzernd die Sonne zu übertreffen, dazu ein leichter, aber frostiger Wind, der Tränen in die Augen treibt. Ich ziehe meine festen Stiefel und die Winterjacke an, setze mein Kanichenfell-Russenkappi auf und fahre weiter.

 

Das geht recht gut durch den festen, verharschten Schnee. Mein alter Opel schlingert leicht, wühlt sich aber unbeeindruckt vorwärts. Die Rinder haben mich schon bemerkt und warten aufgereiht hinter dem Elektrozaun und sehen mir ruhig und aufmerksam zu, wie ich knirschend zu der Palette mit den Heuballen stapfe. Nicht ich knirsche, sondern der Schnee unter den Stiefeln. Erst als ich einen Ballen unter der Abdeckplane hervorzerre und zum Zaun bringe und die Schnüre abschneide, kommt Bewegung in die Herde. Der Pressballen löst sich in Scheiben auf, und diese Scheiben werfe ich möglichst weit in hohem Bogen über den Zaun. Beim Aufprall fallen sie auseinander und sind damit mundgerecht serviert.

 

Dieses Manöver hat seinen Grund. Neun Rinder haben gleichzeitig Hunger und jedes will natürlich zuerst bedient werden. Damit es kein Gerangel gibt, müssten man mindestens neun Haufen schlagartig auf der Fläche verteilen. Das geht natürlich nicht, aber so sind sie erst mal beschäftigt. Heuer verfüttern wir erstmalig Heusilage aus den großen, in hellblauer Plastikfolie eingewickelten Knödeln. Sie werden auf einer Seite aufgeschnitten, dann muss man noch zwei Lagen grobmaschiges Kunststoffnetz durchtrennen, bis man schließlich zum Heu gelangt. Dieses lässt sich aber nicht so leicht herausziehen, weil es ja wie auf einer großen Spule aufgewickelt und verpresst wurde. Man muss auch aufpassen, dass nicht Teile des Netzes ins Futter geraten. Um das Tragen zu erleichtern, haben wir uns noch einen Plastikkorb zugelegt, in den etwa die Hälfte der Menge passt, die einem der Heuballen entspricht.

 

Stellen wir uns mal vor, ich würde die Weide mit einem vollen Korb betreten. Alle Rinder würden auf mich zustürmen und ich könnte den Korb fallen lassen und schreiend fortlaufen, oder tapfer stehen bleiben, damit sie mich über den Haufen rennen und in den Boden treten. Das wäre keine korrekte Fütterung. Auch deshalb habe ich das Heu verteilt, um sie abzulenken. Nun kann ich relativ ungestört die erste Korbladung Silage innerhalb der Zaunes loswerden. Attika, unsere Chefin eilt herbei und ist erst mal bedient. Sie sorgt gerne für Unruhe, weil sie oft unentschlossen zwischen mehreren Futterstellen hin- und herpendelt, aber wenn es dann zu viel werden, gibt sie auf. Heute riecht die Silage fast schon angenehm würzig, weil der Frost die Feuchtigkeit herausgezogen hat. Bei nassem Wetter entsteht ein süßlich-gegorener Geruch, den nicht jeder mag.

 

Nun füttere ich schon im zweiten Winter und kann zur eigenen Beruhigung feststellen: Die Rinder sind am Futter interessiert und nicht am Fütterer. Irgendwelches aggressives Verhalten gab es noch nie. Das reagieren sie manchmal untereinander ab, und darum sollte man sie immer im Auge behalten, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.

 

Bei Rindern lässt sich die Stimmung nur schwer oder gar nicht abschätzen. Ein tiefer Blick in die Augen bringt nichts. Sagt man zu einem Mädchen, sie hätte Kuhaugen, dann ist sie beleidigt. Dabei sollte es ein Kompliment sein, weil Kühe ausgesprochen schöne Augen haben. Nur lässt sich aus diesen langbewimperten, schwarzen Knöpfen nicht herauslesen, was ihren Besitzern gerade so im Kopf herumgeht.

 

Heute scheinen sie aber einen guten Tag zu haben und so kauen sie zufrieden vor sich hin. Vielleicht behagt ihnen die Kälte. Wenn Spaziergänger fragen, ob die Tiere nicht frieren, lache ich nur und erwidere, das wäre ihnen in ihrem zotteligen Wintermantel ganz egal.

 

Bei der Fütterung achte ich auch besonders darauf, dass unsere Jüngsten, im Frühjahr geborenen ihren Anteil bekommen. Beim Fressen gibt es keine Freundschaft oder Verwandtschaft. Besonders Erni, unsere kleinste und zarteste kommt leicht zu kurz. Wenn sie dann etwas verloren beiseite steht, werfe ich ihr heimlich eine Extraportion zu. Das hat sie sich inzwischen gemerkt und kommt immer wieder zu mir zum Zaun und sieht mich an. Bettelnd? Weiß ich nicht. Erwartungsvoll? Keine Ahnung. Was sie will ist ganz klar, aber aus ihrem Gesichtsausdruck lässt sich das nicht herauslesen. Der Ausdruck „zart“ ist auch nicht mehr ganz passend. Jetzt im Winter sieht sie eher wie ein Teddybär aus. Zum Knuddeln ist sie allerdings fast schon zu groß.

 

Sind alle versorgt, kontrolliere ich die Pumpe samt Heizung. Dazu muss ich die Weide bis zur Wasserstelle überqueren. Mut ist so eine Sache. Außerhalb des Elektrozaunes ist das kein Thema, innerhalb kann es einem dann doch etwas mulmig werden. Da hilft ein Stock. Damit kann man einem Rind erklären, doch bitte ein wenig Abstand zu halten. Das akzeptieren sie auch unumwunden. Damit ich nicht jedes Mal einen neuen Ast suchen muss, liegt in meinem Auto der Stiel eines Gartenrechens.

 

Bei unserem Pumpenhäuschen ist das Zahlenschloss eingefroren. Das ist kein Problem. Mit dem Feuerzeug ist es schnell aufgetaut. Das Problem ist mein Kopf. Im Auto liegt immer noch ein Ölspray, das ich prompt wieder nicht mitgebracht habe. Dann fällt mir die einfachste und naheliegendste Lösung ein. Ein paar Tropfen des Lampenöls machen das Schloss wieder voll funktionstüchtig. Das Kopfproblem ist doch nicht so groß.

 

Während ich die Lampe nachfülle, kommt eine der jüngeren Kühe zur Tränke, stellt sich davor und sieht mich an. Ich blicke zurück, sage: „Du darfst!“, sie stößt ein leises Schnauben aus und fängt an zu trinken. So behindern wir uns nicht gegenseitig und jeder geht seiner Beschäftigung nach. Wir werden gleichzeitig fertig und sie trottet gemächlich zurück zu ihrer Herde.

 

Während ich ihr so nachblicke, überfällt mich plötzlich sehr intensiv das Bewusstsein der Stille, die mich umgibt. Am Zaun entlang hinter der schon schmerzhaft grellen Schneefläche bewegen sich die schwarzen Gestalten der Rinder auf Suche nach den letzten Futterresten. Der Wind ist eingeschlafen und ich stehe hier alleine auf der Weide zwischen den Wäldchen ringsum wie in einem abgeschlossenen Talkessel. Ich bin der Alm-Öhi vom Fußbergmoos.

 

Dafür entdecke ich einen frischen Maulwurfhügel. Wie dieser kleine Kerl es schafft, die tiefgefrorene Erdschicht zu sprengen und samt der darauf liegenden Schneedecke wie zerbrochene Eisschollen hochzudrücken, ist schier unbegreiflich. Der Schrei eines Mäusebussards durchbricht die Ruhe. Ich sehe ihn nicht, aber er muss ganz in der Nähe sein. Ob er hungrig ist? Bei geschlossener Schneedecke findet er keine Mäuse. Sie graben sich Gänge in den Schnee und können ungestört auf Futtersuche gehen. Lassen sich Mäusebussarde füttern? In einem Buch habe ich gelesen, man könnte am Waldrand Heuballen auslegen und daneben reichlich Körner ausstreuen. Die Mäuse würden sich dadurch herauslocken lassen und könnten vom Bussard verspeist werden. Ein angerichtetes Menü.

 

Für die Mäusebussarde ist die Situation nicht ganz so dramatisch, weil sie sich zur Not am Straßenrand von dem bedienen können, was die Autofahrer „erlegt“ haben. Schlimmer ist es für die Schleiereule. Früher zogen sie sich in die großen Scheunen der Bauern zurück, in denen es vor Mäusen wimmelte, heute gibt es immer noch genug Mäuse, aber die alten, offenen Scheunen werden immer weniger, die neuen sind dicht. Und so sterben in strengen Wintern ganze Generationen von Schleiereulen vollständig aus.

 

Mit diesen trübseligen Gedanken gehe ich zurück zum Auto, decke das Heu mit der Plane ab und werfe einen letzten Blick auf die Rinder. Sie erwidern ihn nicht, aber trotzdem mag ich sie, weil sie mir so vertraut geworden sind. Ich fahre jetzt jeden Donnerstag hier hinaus, und was anfangs Arbeit und Verantwortung bedeutete, ist zur liebgewordenen Gewohnheit geworden. Das Frühjahr ist nicht mehr weit. Dann dürfen sie zurück auf ihre Sommerweiden und brauchen nicht mehr gefüttert zu werden. Ob sie sich schon darauf freuen?

 

Februar 2009, Viktor Oswald